Rückblick auf die Online-Seminare des Sommersemesters 2020

Das Sommersemester 2020 hat uns alle vor die Herausforderung gestellt, universitäre Lehre in kurzer Zeit vollständig in digitalen Formaten umzusetzen. Wie sich [D-3] dieser Aufgabe angenommen hat, ist unter der Rubrik Ad hoc digital Lehren und Lernen in mehreren Blogposts dokumentiert.

Nun ist das zweite Online-Semester in vollem Gange und einige Formen digitaler Lehr-Lernformate konnten sich fest etablieren. Während die ersten Unsicherheiten aus dem Frühjahr beseitigt werden konnten, werden uns andere Probleme noch über dieses Semester hinaus begleiten. Die Planung sinnvoller digitaler Lehre ist ein dynamischer Prozess, der uns immer wieder vor neue Möglichkeiten und Herausforderungen stellt.

Ein wichtiger Schritt dabei, sich gut auf diesen Gestaltungsspielraum einzulassen, ist es Ordnung in die eigenen Erfahrungen zu bringen, sie als Lernanlass zu nehmen und wertzuschätzen, was sich daraus ergeben hat. Dieser Beitrag ist das Ergebnis eines solchen ordnenden Rückblicks und einer Würdigung der im Sommersemester 2020 entstandenen studentischen Produkte. Die nachfolgende Sammlung kurzer und punktueller Einblicke in vier verschiedene [D-3] betreute Online-Seminare wurde als Serie auf unserer Facebook-Seite veröffentlicht und hier nochmals zusammengetragen, um das Sommersemester 2020 illustrativ Revue passieren zu lassen.

1. Interkulturelle deutschsprachige Literatur im Unterricht: Was heißt ‘auf Deutsch’ schreiben?

Meinungsbilder einholen, Ersteindrücke sammeln: Über Live-Voting-Tools wie z.B. answergarden sammelten die Teilnehmer*innen ihre Leseerfahrungen sowie offene Fragen. Aufbauend auf diesem ersten Kontakt mit einem Text lassen sich Aspekte lernendenorientiert vertiefen (hier erprobt an der Erzählung „der See” aus dem Buch „Seltsame Materie” von Terézia Mora, 1999). 

Eine Zitatesammlung zu einer bestimmten Fragestellung anlegen und die Textauszüge kommentieren: Die digitale Pinnwand des Tools padlet ist vielseitig verwendbar, hier wurden Textausschnitte aus dem Roman „Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft” (1995) gesammelt, um sie anschließend im Detail zu besprechen.

2. Zu einer Didaktik des Videospiels: Digitale Spiele als Lernanlass und -träger, Motivation und Gegenstand im Deutschunterricht

Im Seminar Videospiele spielen? Das war hier ausdrücklich erlaubt! Das Potenzial, das Games im Unterricht haben, entdeckten die Teilnehmer*innen des Seminars selbstständig und kreativ. Mithilfe des Etherpads im Ilias erprobten sie zum Beispiel eine Methode kollaborativen Schreibens. Aufgabe: In die Rolle eines Reporters schlüpfen und ein Rennen bei Mario Kart in Echtzeit begleiten! Das Ergebnis sowie weitere Ideen für Schreibanlässe zu Videospielen sind durch Klick auf die nachfolgenden Bilder zu sehen.

Das Seminar lebte stets vom Ausprobieren und Entdecken kreativer und motivierender Zugänge zum narrativen Potential  von Videospielen. Trotzdem kamen Diskussion und Reflexion der gesammelten Ideen nicht zu kurz: So sammelten die Teilnehmer*innen direkt zum Semesterbeginn Pro- und Contra-Argumente, die sie mit der Videospieldidaktik assoziierten. Diese Gedanken wurden im Laufe des Seminars immer wieder auf den Prüfstand gestellt und neu bewertet.

Gesammelt wurden die Gedanken mit dem Feedbacktool Oncoo.

3. Berlin 1920 / 2020. Eine Metropole in modernen Medien erzählen

erster Schwerpunkt: Erich Kästner - Emil und Detektive

Vor knapp 90 Jahren lockte die mittlerweile weltbekannte Detektivgeschichte “Emil und die Detektive” erstmals Besucher:innen ins Berliner Theater. Stellt man dieser ersten Schwarz-Weiß-Verfilmung nun einige der Medienprodukte gegenüber, die vergangenes Semester im Seminar “Berlin 1920 / 2020. Eine Metropole in modernen Medien erzählen” entstanden sind, ergibt sich ein spannender Raum für Diskussionen und Reflexionen über die erzähl- und medientechnische Darstellung von Großstadterfahrungen damals wie heute. Die Studierenden gingen der Frage nach, wie Emils Geschichte in der Gegenwart inszeniert und modernisiert werden kann und welche Wirkung multimediale Erzähltechniken im Vergleich zum Erzählen der 1920er Jahre haben. Hier ein Eindruck der entstandenen Medienprodukte.

  • ein Enhanced-Book “Emil in leichter Sprache”, erstellt mit der App Book Creator
  • ein Whatsapp-Chat zur Verfolgungsjagd, eine Methode, die z.B. in jüngeren Klassen zur Einführung und Reflexion von Chatkommunikation und dialogischem Schreiben genutzt werden kann

 

zweiter Schwerpunkt: Alfred Döblin – Berlin Alexanderplatz

Noch bevor die Neuverfilmung von “Berlin Alexanderplatz” im Sommer 2020 ihren Kinostart feierte, und den Stoff des 1929 erschienen Romans in das moderne Berlin übertrug, hatten sich die Studierenden im Fachdidaktik-Modul schon ein Semester lang genau mit dieser Frage beschäftigt: Wie wird das Leben in der Metropole in den 1920ern und wie heute, in den 2020ern, modern erzählt? Wie können die zeitgenössischen Texte knapp einhundert Jahre später mit modernen Möglichkeiten, z.B. mit multimedialen Erzähltechniken der Online-Massenmedien aufgegriffen werden? Ausgehend von diesen Leitfragen und der Lektüre des Primärtexts griffen die Studierenden in ihren eigenen Medienprodukten die Großstadterfahrung und das Motiv der Ankunft aus gegenwärtiger Perspektive auf. In der Reflexion lag der Schwerpunkt auf den verwendeten Erzähltechniken und deren Wirkung, wenn sie im Rahmen verschiedener Social Media-Plattformen oder -Konventionen entstehen.

Weitere Einblicke in die Seminare der Literaturdidaktik gibt es bei Twitter @LiteraturDida

4. Vernetzt erzählen im Deutschunterricht. Literatur über, in und mithilfe von sozialen Netzwerken vermitteln

Stellen wir uns folgende Situation vor:

Du liest eine Geschichte, plötzlich musst du unterbrechen, weil du aufgefordert wirst zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Welche Option wirst du wählen? Welche Auswirkungen hat deine Entscheidung auf den weiteren Handlungsverlauf?

Ergebnis aus dem "Vernetzt"-Seminar 2020: verzweigtes Erzählen mit dem kostenlosen Tool Inkle

 Diese Form des sogenannten verzweigten Erzählens ist eine moderne Erzähltechnik, sie fordert von uns Leser:innen ein aktives Eingreifen in das Geschehen. Um diese besondere Form auch im Literaturunterricht aufgreifen zu können, wurde im Online-Seminar “Vernetzt erzählen” zunächst der literaturwissenschaftliche Hintergrund des Phänomens erarbeitet, damit die Seminarteilnehmer:innen im Anschluss selbst verzweigte Erzählungen schreiben.

Dabei ist unter anderem eine kurze Passage zum Buch “The Circle” von Dave Eggers entstanden, aus welcher der obenstehende Ausschnitt entnommen ist. Die Studierenden haben mit ihren kurzen Fortsetzungen der Romanhandlung eine Leerstelle in der Geschichte gefüllt und mussten jeweils auf die Ideen der anderen reagieren bzw. Bezug nehmen. Wie die Entscheidungen den Handlungsverlauf beeinflussen, kann unter dem folgenden Link direkt ausprobiert werden!

Ein Seminarziel war es, die Rahmenbedingungen für Erzählen in Social Media-Umgebungen zu reflektieren. Um den Mechanismen bestimmter sozialer Netzwerke auf den Grund zu gehen, wurden kreative Zugänge gewählt, die so auch in schulischen Kontexten denkbar sind. 

Die Ausgangsfrage des nächsten Lernprodukts war: Wie würde ein Autor oder eine Autorin mit seiner bzw. ihrer Hauptfigur interagieren, wenn beide einen Account bei Facebook hätten? Was sich Stephanie Meyer und Bella Swan wohl zu sagen hätten? Und warum mischt sich da J.K. Rowling ein?! Der folgende Bildausschnitt zeigt ein Beispiel für eine von Seminarteilnehmer*innen gestaltete Facebook-Konversation, in denen sie diese drei Charaktere der Fantasyroman-Welt zu Wort kommen lassen. Umgesetzt wurde das Ganze mit dem kostenlosen Tool Fakebook. Welche Profile außerdem erstellt wurden, ist rechts zu sehen.

Wir danken allen Teilnehmer:innen der Online-Seminare für die Mitwirkung und die vielen kreativen Ideen. Vieles davon wird sicherlich sowohl für künftige Seminare als auch in der schulischen Praxis eine Fortsetzung finden.

Weiterführendes:

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