Es ist okay, nicht alles zu schaffen. Ein Zwischenfazit zum digitalen Semester an der MLU

Zum Start des Sommersemester sollte ich einen Blogbeitrag schreiben: Tipps und Tricks für Studierende im Online-Semester – aber auch: die Schwierigkeiten des Online-Semesters aus Sicht der Studierenden.
Ich war hochmotiviert, habe mir Artikel durchgelesen, die Diskussion um das Nicht-Semester verfolgt und Kommiliton*innen nach ihren Erfahrungen befragt. Und dann begann das Online-Semester. Auf Arbeit wurden andere Aufgaben wichtiger, der Blogbeitrag wurde nach hinten geschoben und die Seminare und Vorlesungen begannen in voller Stärke. Ich hatte mir meinen Stundenplan optimistisch gebaut – vielleicht würde ja noch ein Präsenzsemester daraus werden und dann würde ich die Menge an Veranstaltungen gut schaffen.
Eines meiner Fächer startete zum regulären Semesterbeginn am 6. April, das zweite folgte zwei Wochen später. Schon in den ersten zwei Wochen war ich überfordert. Mir fehlten nicht nur meine Kommiliton*innen und der Austausch mit ihnen, schon allein der fehlende Arbeitsplatzwechsel war eine unglaubliche Hürde. Plötzlich wurde (und ist) das ganze Zimmer zum Büro. Ich habe noch das Glück, einen großen Arbeitsplatz zu haben, doch auch die Entspannungsplätze des Zimmers wurden mit Arbeit in Verbindung gebracht. Es gab keine Trennung zwischen Privatem und Uni – und damit auch keine Möglichkeit, irgendwann Feierabend zu machen. Wenn ich abends nicht mehr aufnahmefähig war, wurde vielleicht das entsprechende Programm geschlossen, doch der Arbeitsspeicher in meinem Gehirn blieb gefüllt mit den Aufgaben, die es alle noch zu erledigen galt. Seit über einem Monat fühle ich mich jeden Tag so, als würde ich nur auf einem Bein hinterherhinken, während die Uni vorweg rennt.
Ich habe 3 Veranstaltungen abgesagt, weil ich nicht hinterherkam – von einem Arbeitsaufwand, den ich in der Präsenzlehre jahrelang geschafft hatte. Und trotzdem hinke ich weiter.
Die Veranstaltungen, die ich jetzt belege, sind gut auf das Online-Semester ausgerichtet. Es gibt Vorlesungsaufzeichnungen, zusätzliche Übungsvideos, Lektüre-Hausaufgaben, Live-Übungen oder -Seminare. All das hilft ungemein – aber es ist auch Arbeit. Zusätzliche Arbeit, die in der Präsenzlehre wesentliche einfacher und schneller gegangen wäre.
Eine Vorlesung nimmt die Aufzeichnungen aus dem letzten Sommersemester – unverändert wird das gleiche mögliche Tempo angenommen, nur noch mehr zu lösende Aufgaben hinzugefügt. Bin ich die einzige, die diesen Workload nicht schafft? Es scheint immer mindestens die zwei Studierenden zu geben, die locker mitlaufen, und damit das Tempo legitimieren.

Ich wollte ursprünglich mit diesem Artikel ein Licht auf die Schwierigkeiten von psychischer Gesundheit und Home Office schreiben – und nun macht mir meine eigene psychische Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Diese Aufgabe wurde so lang verschoben, dass mich jeder Gedanke daran nervös macht und gleichzeitig lähmt. Ich habe eine lange Liste mit Videos, die sich mit dem Thema auseinander setzen – ich habe keines davon angeguckt.
Meine zweite Liste sind Videos mit Tipps für die Produktivität. Regelmäßigen Schlaf- und Tagesrhythmus einhalten – mach ich. Designierten Arbeitsplatz nutzen – mach ich. To-do Listen schreiben – mach ich. Pausen machen, viel trinken, mit Kommiliton*innen Kontakt halten – mach ich alles. Und trotzdem sieht die Videoversion davon viel leichter aus, als sich das hier anfühlt.
Ich schaue mir die Livestreams der Uni an. Dort wird sich von dem Term Nicht-Semester distanziert, da man den Studierenden dennoch Business as usual ermöglichen möchte. Der Term Kreativsemester wird eher bevorzugt. Was aber ist daran kreativ, wenn alle Veranstaltungen wie bisher weiterlaufen, nur eben online? Es wird zwar gesagt, dass Studierenden die weniger studieren als “normal”, keine Nachteile entstehen sollen – aber auch das bleibt schwammig. Über die Schuldgefühle, wenn ich Veranstaltungen verlassen muss, anscheinend nicht gut genug bin, während die Uni normal weiterläuft, höre ich nichts.

Ich liebe es zu lernen und zu studieren. Ich arbeite gerne mit und begeistere mich für Themen, tauche oft tiefer ein, als es nötig wäre. Ich muss zuhause keine Kinder betreuen, wohne in keiner WG. Ich habe keine psychischen Erkrankungen. Ich habe einen gesicherten Job und lebe finanziell stabil. Und trotzdem wird mir das alles zu viel.

Was will ich mit diesem Beitrag also bezwecken? Wenn ihr wirklich Tipps und Tricks wollt, dann folgt meine Videoliste mit Menschen, die das alles sehr viel besser erklären und anschaulich machen können, als ich. Wenn ihr diesen Videos ähnlich überfordert gegenübersteht: Ihr seid nicht allein. Es ist völlig ok momentan und allgemein überfordert zu sein. Redet darüber, sprecht mit Kommiliton*innen und Freund*innen, vielen wird es ähnlich gehen. Es ist schwer den Kontakt zu halten und gerade schwierige Themen anzusprechen, wenn man sich nicht mehr sieht, aber gerade jetzt ist es wichtiger denn je.

Und wenn ihr Dozierende seid und das Lesen des Textes bis hierher durchgehalten habt: Vielleicht geht es vielen eurer Studierenden gerade so wie mir. Vielleicht haben gar nicht alle technische Probleme mit ihrem Mikro, sondern gerade einen schlechten Tag und sind daher nicht in der Lage, sich am Online-Seminar zu beteiligen. (Das war zumindest meine Ausrede.) Bitte versucht nicht Business as usual zu machen, auch wenn es irgendwie läuft. Gebt euren Studierenden die Möglichkeit, anonym rückzumelden, wenn der Stoff zu viel wird oder das Tempo zu schnell ist. Wenn das hier ein Kreativ-Semester sein soll, dann sollten wir auch gemeinsam kreative Lösungen finden, um damit umzugehen. Die meisten Online-Seminare, die ich besuche, sind gut gelöst. An einem guten Tag macht es auch Spaß – aber bitte bedenkt, dass hier niemand die perfekten Voraussetzungen hat.

11 thoughts on “Es ist okay, nicht alles zu schaffen. Ein Zwischenfazit zum digitalen Semester an der MLU”

  1. Ein sehr toller Beitrag, der genau meine Gedanken widerspiegelt. Ich bin auch überfordert aktuell, ich komme nicht hinterher. Ich habe auch einen Nebenjob, der seit kurzem wieder normal läuft und nicht mehr über das Home Office. Eigentlich alles, wie letztes Semester auch, trotzdem komme ich nicht klar.

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  2. Liebe Hannah, danke für deinen Beitrag. Schon während des Lesens habe ich mich und meine derzeitige Situation wieder erkannt. Ich studiere Lehramt an Sekundarschulen, im 6.Semester. Genau wie du, arbeite ich bereits – momentan teilweise in Präsenz und viel über Online-Beschulung.
    Ich glaube, dass es allgemein ein Problem ist, diese neue Erfahrung des „Online-Semesters“ und die gefühlte Überforderung in Worte zu fassen. Das Gefühl von Schuld spüre ich ebenso. Ich komme mit dem Hören und Sehen aufgezeichneter Vorlesungen gar nicht mehr hinterher. Das Forschungsseminar ist mir momentan noch ein großes Rätsel, da es aus eingestellten Texten und Videos zum Selbstabrufen besteht. Für ein digitales Fernstudium hätte ich mich im realen Leben nie entschieden. Ich bemerke, dass sich der Austausch mit Mitstudierenden (meist per Whats-App bzw. Sprachnachricht) mit einem eher spiegelndem Pingpongspiel vergleichen lässt. Dankenswerterweise kann ich mich auf die Hilfe bezüglich der Web-, Audio- und/oder Podcast einer Mitstudierenden verlassen, die bereits vor ihrem Studium mit Medien, Schnitt und Ton zu tun hatte. Da ich eine Optimistin bin, sehe ich auch die Vorteile – Ich spare so Worte und schone meine Stimme:-).

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  3. Hey, der Artikel spricht einfach alles aus, was mich schon länger beschäftigt. In meinem Fall kommt noch ein WG-Leben hinzu, das sich mit Home-Office auch nicht wirklich vereinbaren lässt, da wir uns alle in sehr unterschiedlichen Lebens-Situationen befinden und es deshalb schwierig ist, sich gegenseitig auf unsere (Lern-)Rythmen abzustimmen. Das verursacht noch zusätzlichen Stress, zusammen mit dem finanziellen – und Leistungs-Druck und die Unsicherheit, die durch wenig konkrete Aussagen zu Bafög/ Regelstudienzeit/ Leistungsnachweis etc. (Kreativsemester) entstehen. Und ich weiß, dass es mich noch nicht mit am schlimmsten trifft.
    Vielen vielen Dank für diesen sehr angenehm subjektiven und gleichzeitig offensichtlich kollektiven Erfahrungsbericht!

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  4. Danke für diesen Beitrag! Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, ein paar Kurse zu streichen.
    Ich gehöre zu diesen Dozierenden und frage mich oft, warum so wenig Feedback kommt. Die Beschreibung hier im Artikel ist vielleicht eine Erklärung dafür…
    Danke also für die Ehrlichkeit, wie es wirklich im Kreativsemester aussieht und alles Gute!

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  5. I feel you. Ich habe auch so eine Liste an Vorlesungen, die ich mir heruntergeladen habe, aber bisher nicht angesehen (Eine Veranstaltung sogar komplett auf der langen Bank). Das tolle ist… die Videos kann man sich ja auch nach Ende des Semesters immer ansehen. Da hat die Vorbereitung für live Veranstaltungen per Videokonferenz aber halt auch IMMER Vorrang.

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  6. Mir geht es genauso. Der Beitrag ist wirklich super geschrieben und trifft den Nagel auf den Kopf. Ich hoffe, viele Dozierende lesen diesen Text bis zum Ende. Danke!

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    • Hallo Maxi, das freut uns zu lesen. Schön, dass Du dich auch über den Screencast/Video-Vorstellung hinaus für unser Schaffen interessierst. Danke nochmal für deine Hilfe und Stimme im Namen des Teams (dk)

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