Tool des Monats: BigBlueButton

Wieso noch eine weitere Videokonferenz-Plattform? Kaum eine Frage hat in den letzten Wochen so sehr beschäftigt wie die Frage nach einer geeigneten technischen Lösung für Videokonferenzen, Online-Besprechungen und Gruppendiskussionen. In diesem Beitrag wird ausgeführt, welche zusätzlichen Möglichkeiten die Open Source Lösung BigBlueButton für das «virtuelle Klassenzimmer» bietet.

 

Virtuelles Klassenzimmer / Videokonferenz-Plattform

  • Open Source
  • Über Eigenhosting oder Provider
  • Nutzerverwaltung und Registrierung zur Verwaltung notwendig
  • Keine Registrierung oder Installation für Teilnehmer*innen notwendig
  • Integrierbar in Lernplattformen wie Ilias, Moodle, Stud.IP
  • 100% Flash-frei
  • Synchrone Zusammenarbeit
  • Interaktive Seminargestaltung
  • Digitale Gruppenarbeiten
  • Vorträge in größeren Gruppen

Warum noch ein weiteres Videokonferenz-Tool?

In unserem letzten Beitrag zum Tool des Monats berichtete Julia Schrodt bereits von dem Open Source-Projekt «Jitsi-Meet», das eine niederschwellige Lösung für schnell eingerichtete Videokonferenzen bietet. Keine Frage hatte so sehr beschäftigt wie die Frage, wie Präsenzveranstaltungen digital abgebildet werden können. In den teilweise hitzigen Diskussionen um die Wahl des Tools wurde einiges über die Art und Weise deutlich, wie der florierende Markt für Bildungstechnologien funktioniert und unsere Wahrnehmung von digitaler Bildung prägen. Wie einzelne Beiträge vermerkt haben, zeigt hier BigBlueButton auf, welchen Stellenwert Open-Source-Technologien in der digitalen Transformation der Bildung einnehmen können indem skalierbare Alternativen zu kommerziellen Lösungen angeboten werden.

BigBlueButton in Sachsen-Anhalt

Ebenso wie Jitsi kann auch BigBlueButton von jeder Organisation mit voller Kontrolle über die Verarbeitung der Studierendendaten angeboten werden. Als Open Source-Plattform ist die Software also davon abhängig, dass sie entweder durch ein eigenes Hosting oder ein Hosting im Verbund angeboten wird. Unter dem Namen MLUconf hatte die Universität Halle zu Semesterbeginn wie zahlreiche andere Hochschulen in Deutschland eine solide und offene Instanz von BigBlueButton zur Verfügung gestellt. Damit können unkompliziert eigene Konferenzräume für die Lehre eingerichtet werden, in die sich Student*innen und Externe auch ohne Login einwählen können.

Jenseits der Hochschule wurde BigBlueButton für Schulen in Sachsen-Anhalt bereits vor der Corona-Krise zur Nutzung angeboten. Über den Bildungsserver Sachsen-Anhalt wurde seit längerem zusammen mit den landesweiten Moodle-Angeboten auch ein BigBlueButton-Server angeboten. Dessen Nutzung hat laut Ulrike Grabe vom E-Learning-Service «selessa» mit dem Umstieg auf das Homeschooling jedoch schlagartig zugenommen. Was zuvor für die vereinzelte Videokonferenz genutzt wurde, stellt mittlerweile eine feste Grundlage für die digitale Präsenz dar. Doch auch für das Angebot von Weiterbildungen für Schulen in Form von Webinaren haben sich damit ganz neue Möglichkeiten mit ungeahnten Teilnehmermengen ergeben.

Kollaboration und Kommunikation im Vordergrund

Videokonferenzsysteme verlocken generell sehr stark zu einem Ungleichgewicht von synchronem und asynchronem Lernen, sodass sich der Frontalunterricht oder die Frontallehre lediglich in den digitalen Raum verlagert. Hier bietet BigBlueButton mehrere technische Lösungen, wie es als digitales Klassenzimmer mit den unterschiedlichen kollaborativen Funktionen eingesetzt werden kann. Im Folgenden möchten wir drei Funktionen aufzeigen, welche die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten gut illustrieren.

Gruppendiskussionen mit Breakout Rooms

Wer ein Seminarkonzept digital umsetzen will, stösst schnell auf die Frage, wie man Kleingruppengespräche geeignet umsetzen kann. Während kein Tool der Welt eine entspannte und angeregte Gesprächsatmosphäre garantieren kann, können technische Finessen jedoch dabei helfen, in gewissem Masse eine vertraute Gesprächssituation zu erzeugen. Die Funktion der so genannten Breakout-Rooms liefern Abhilfe, wenn es beispielsweise darum geht, das informelle Gespräch in der Kleingruppe vor der Plenumsdiskussion oder aber auch eine längere Gruppenarbeit in der virtuellen Präsenz umzusetzen. Mit der Funktion werden innerhalb der Videokonferenz mehrere untergeordnete Videokonferenzräume eingerichtet, in welche sich die Lehrperson jederzeit hinzu schalten kann. Eine technische Anleitung zur Einrichtungen von Breakout-Rooms ist beispielsweise auf der Informationsseite des ITZ der MLU Halle-Wittenberg zu finden.

Handschriftliche Notizen mit BigBlueButton live übertragen

Präsentationsfläche, Whiteboard und Umfrage

Die Whiteboard-Funktion ermöglicht es, als Präsentator eine Präsentationen direkt über den Videokonferenzraum bereitzustellen und auf der Präsentationsfläche Notizen und Hinweise handschriftlich oder zeichnerisch zu erfassen. Selbstverständlich lässt sich BigBlueButton für eine kollaborative Erfassung über die Bildschirmfreigabe mit diversen weiteren Online-Whiteboards ergänzen, wie z.B. Openboard. Für die Diskussionsanregung in grösseren Gruppen können darüber hinaus Umfragen erstellt werden, deren Ergebnisse direkt in die präsentierten Folien eingebunden werden.

Vom Etherpad zum Simultan-Untertitel

Im Gegensatz zu Jitsi verfügt BigBlueButton nicht nur über einen Chat, sondern auch über einen gemeinsamen Notizblock, auf dem Inhalte auch wieder gelöscht, verschoben und bearbeitet werden können. Gerade in größeren Gruppen oder einer längeren Sitzung kann man den Überblick über einen Chatverlauf schnell verlieren. Hier bietet der Notizblock vielfältige Möglichkeiten, um gemeinsam Inhalte zu strukturieren, Fragen zu sammeln oder ganze Sitzungen zu protokollieren. Eine besonderes Feature dieser Notizen ist die Möglichkeit, damit Untertitel für eine Videokonferenz zu erfassen. Diese Untertitel können Live über die jeweiligen Webcam-Aufnahmen eingeblendet werden oder aber nachträglich in die Aufnahme der Videokonferenz eingebunden werden.

Gelingensbedingungen für die virtuelle Ko-Präsenz

Wie beim Einsatz jedes Tools gilt auch beim Einsatz von Videokonferenzsystemen, dass eine gezielte Einführung und ein klar kommuniziertes Vorgehen entscheidend sind für eine gelungene Kommunikation und Zusammenarbeit. Konkret bedeutet dies zum Beispiel, dass BigBlueButton, resp. MLUconf über die Plugins in ILIAS und Stud.IP die Einbettung in die gewohnte digitale Lernumgebung erleichtert werden kann. Alle Videokonferenzen mit BigBlueButton können auch aufgezeichnet werden, sofern alle Teilnehmer*innen einer Aufzeichnung zustimmen. Insgesamt empfiehlt es sich bei der Nutzung von Zusatzfunktionen, ausreichend Zeit einzuplanen und gemeinsame Kommunikationsregeln zu vereinbaren. Gerade wenn geplant ist, die zusätzlichen Funktionalitäten (Notizblock, Breakout-Rooms, Bildschirmfreigabe), zusätzliche Tools oder Plattformen für die Kollaboration einzubinden, ist der zeitliche Faktor nicht zu unterschätzen. Da BigBlueButton die Notizen auf dem Whiteboard oder im Notepad nicht speichert, empfiehlt es sich, diese unabhängig davon zu sichern.

Der Umgang mit möglichen Ruhepausen ist gerade in der Hochschullehre keine neue Herausforderung: Bloß ist der Blick auf 20 ausgeschaltete Webcams noch unangenehmer als der Blick von 20 Student*innen auf die Tischplatte. Bei einer Videokonferenz kann die Technik jedoch als Gelegenheit genutzt werden, dieses Kurssetting direkter anzusprechen und der eigenen Phantasier freien Lauf zu lassen. Auf dem Blog eBildungslabor hat Nele Hirsch acht sehr lesenswerte Gestaltungsmöglichkeiten für gelungen Webinare beschrieben, die sich auch gut auf die Lehre oder den Unterricht übertragen lassen. Dabei ist ein kurzer Hinweis darauf, dass das Einschalten der Webcam der Student*innen auf Freiwilligkeit beruht, persönlich aber sehr geschätzt wird, dem gegenseitigen Vertrauen bestimmt auch nicht abträglich. Letztlich ist gemeinsame virtuelle Ko-Präsenz immer eine Frage dessen, ob die Videokonferenz als gemeinsamer und vertrauensvoller Gesprächsraum wahrgenommen wird.

Fazit

Wie bei jedem Videokonferenz-Tool hängt auch hier die didaktische Gestaltung davon ab, wie ein virtuelles Treffen moderiert wird damit möglichst viele zu einer ungezwungenen und aktiven Teilnahme animiert werden. Hinsichtlich der kollaborativen Nutzung und der Sicherung der gesammelten Notizen besteht bestimmt noch Optimierungsmöglichkeiten. Allerdings macht BigBlueButton vieles richtig und liefert bereits jetzt einige hilfreiche zusätzliche Funktionalitäten für den Unterricht und die Lehre.

Von einem technischen Standpunkt aus kann das Fazit ebenso kurz gehalten werden: Um BigBlueButton gibt es zurzeit kaum mehr einen Weg herum und Tag für Tag werden neue Instanzen gesammelt. Anja Lorenz von der TH Lübeck hat dazu eine Übersicht über offene Instanzen im deutschsprachigen und internationalen Raum gesammelt. Wie jede Software, ist auch BigBlueButton nicht perfekt. Umso mehr ist zu hoffen, dass sich die rege Nutzung im Verlauf der nächsten Monate vielleicht auch in einer regen Weiterentwicklung über die nächsten Jahre niederschlägt.

Weiterführende Informationen zur Arbeit mit BigBlueButton:

 

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